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Kirche in Brande-Hörnerkirchen

Kleiner Streifzug durch 500 Jahre Geschichte

Der nördlichste Teil des heutigen Kreises Pinneberg mit den seit über 100 Jahren zum Amt Hörnerkirchen gehörenden Gemeinden Bokel, Brande-Hörnerkirchen, Osterhorn und Westerhorn taucht erst relativ spät aus dem Dunkel der Geschichte auf.

Am Rande, entlegen und abgelegen - so wirkt das Kirchspiel, das sich mit dem Areal des Amtes deckt, in der älteren Geschichtsschreibung. Hat die Randlage dieser Dörfer etwa dazu geführt, das hier keine Schriftzeugnisse erhalten blieben?

Aber: Auch hier lebten Menschen, arbeiteten, wirtschafteten, zahlten Steuern, zeugten Nachkommen, litten an Seuchen und Kriegen, lachten und weinten.

Während nun etwa Barmstedt und Kellinghusen bereits 1148, Horst 1223, Lutzhorn 1255 erstmals in Urkunden des Mittelalters erwähnt werden, treten Bokel, Horn (ein Vorläufer der späteren Gemeinden Osterhorn und Westerhorn) und der Hof "to dem Brande" erst 1430 auf. Erwähnt werden sie in einer Urkunde, in der eine der zahlreichen Vikarien (Nebenaltäre und deren pastorale Ausstattung) an die Hamburger St. Petri Kirche gestiftet wird. 1430 heißt es auch noch nicht Bokel, sondern "Boklo", was soviel bedeutet wie "Buchenwald". Brande deutet auf eine Brandrodung im Waldgebiet hin. Und Horn - was wir von vielen zusammengesetzten Ortsnamen (Lutzhorn, Elmshorn, Herzhorn) kennen, bedeutet Vorsprung, hier sicher Vorsprung der Geest-Sanderfläche im moorigen Gebiet.


Erst viel später, nämlich 1551, taucht auch Bokelseß als "Bokelseske", später "Bokelsesche, -ke" auf - ein Hinweis vielleicht auf späten Siedlungsbeginn dieser Ansiedlung am Rande des Moores, der möglicherweise von Bokel aus eingeleitet worden ist.

Um 1500 gehörte dieses Gebiet der damaligen fünf Hörner Dörfer zur Grafschaft Holstein-Pinneberg. Das war ein Zweig der Schauenburger Grafen, die (seit 1111 als Landesherren in Holstein) 1459 in ihrer Hauptlinie - als Grafen von Holstein und Herzöge von Schleswig - ausstarben. Das Amt Barmstedt bildete den zuständigen Verwaltungsbezirk der Grafschaft.

Nördlich grenzte das königliche Amt Steinburg an das Gebiet. Es wurde nach 1526 teilweise an Johann Rantzau verkauft, der daraus und aus den ihm verkauften Besitzungen des Klosters Bordesholm in den und um die Störmarschen das große Amt Breitenburg bildete.

Nach dem Aussterben der Schauenburger Grafen 1640 wurde dann aus der Grafschaft Pinneberg einerseits (zu 5/8) die Königliche Herrschaft Pinneberg und andererseits aus dem alten Amt Barmstedt (Kirchspiele Barmstedt und Elmshorn) durch den Stadthalter Christian Rantzau ein zur Reichsgrafschaft Rantzau erhobenes Territorium formiert; es wurden also neue Grenzen geschaffen. Man kann sich leicht vorstellen, dass die Grenzfragen bei dieser Konstellation eine erhebliche Rolle spielten. Für den Heimatforscher ist das ein Glück, denn Grenzstreitigkeiten, aus denen ungemein dicke Aktenkonvolute und viel schöner - die ersten Karten unserer Gegend entstanden, bringen Licht in die ältere Geschichte der Region. Die Grenzkonflikte etwa zwischen Bokel und Mönkloh - wegen der unterschiedlichen Herrschaftsverhältnisse auf höchster Ebene ausgetragen und 1578 im sogenannten Mönkloher Vertrag beendet - dauerten Jahre und führten schließlich zu einer genauen (und heute noch gültigen) Grenzziehung, die durch Grenzsteine markiert wurde. Diese Grenzsteine sind im Gelände durchaus noch heute aufzufinden. Aus dieser Zeit erfahren wir auch das erste Mal etwas von den Bauern in unserem Gebiet; 1564 gibt es eine Namensliste - also gut 100 Jahre, bevor die erhaltenen Barmstedter Kirchenbücher etwas aussagen können.
Die Bauern dieser Zeit bauten vornehmlich Roggen und Buchweizen an, wenig Hafer, hielten Kühe nur für den Hausbedarf und trieben Schweine zur Mast in die gemeinsam besessenen oder die herrschaftlichen Wälder. Um 1600 wurden beispielsweise aus Bokelseß 130, aus Brande 40 und aus Osterhorn 189 Schweine zur Waldmast ausgetrieben. Die meisten dieser Schweine wurden damals vermarktet, denn der Ertrag des Getreidebaus war so gering, dass damit nicht viel Geld eingenommen werden konnte. Geld aber war wichtig, um die Steuern an den Landesherren zu zahlen.

Die Regelung interner Probleme wurde durch "Willküren" oder "Bauerlagswillküren" (Osterhorn 1693, Bokel 1751) geregelt. Da waren die selbsterlassenen Ordnungen der Bauernschaft zur Festlegung von Normen und Verhaltensvorschriften für potentielle Konfliktbereiche.

Die Höfe waren damals nicht besonders groß - jedenfalls was das Eigentumsland angeht. Der größte Teil der Dörfer war nicht aufgeteiltes "Gemeindeland" (Allmende). Die größten Höfe erreichten 1725 nur 12 bis 13 ha. Doch schon bald begannen die Bauern mit obrigkeitlicher Genehmigung, ihre Gemeinschaftsländereien zu "verkoppeln", das heißt, den größten Teil des Gemeinschaftslandes zu den Stellen zu legen. In Bokel geschah dies ab 1737. Doch erst 1771 wurde durch Gesetz die Verkoppelung in ganz Holstein eingeleitet. Jetzt entstanden überhaupt erst die Höfe mit relativ großen privatem Grundbesitz. Übrigens ist die Verkoppelung der Anlass für die Anlage der Knicks, die das Landschaftsbild 200 Jahre später prägten, dann im Zuge der Flurbereinigung in diesem Jahrhundert stark angegriffen wurden und heute wieder zu ökologischen Ehren kommen.

Die Verkoppelung ging nicht immer reibungslos vonstatten. Man kann sich das vorstellen: es gibt unterschiedliche Bodenqualitäten und Entwässerungsverhältnisse, nahe- und fernliegendes Land ist zu berücksichtigen. In Bokel dauerte der Prozeß von 1737 bis 1854, wobei in mehreren Schüben aufgeteilt und zugemessen wurde. In den anderen Dörfern war es ähnlich, wobei in Westerhorn erste Aufteilungsbestrebungen bereits gegen Ende des 16. Jahrhunderts festzustellen sind. Auch einzelne Aussiedlungen sind dokumentiert.

Die Mühle in Bokel gehört zu den ältesten Gewerbebetrieben in dieser Region. 1691 hatte sie in einer Walk- und Stampfmühle für Wolltuche einen Vorläufer. Sie wurde 1728 eingerichtet (und zwar von der Obrigkeit) und dann verpachtet. Zu ihr waren als Zwangsgäste die Bauern der Hörner Dörfer gelegt, d.h. sie durften nirgendwo anders mahlen lassen. Das Zwangsrecht galt bis 1854.

Und noch ein Zweig des Gewerbes ist zu nennen: die Krugwirtschaften. Da die alte Hauptlandstraße von Glückstadt über Krempe nach Lübeck das Gebiet durchschneidet, ist die Fülle der Krüge nicht verwunderlich. 1728 gab es Krugkonzessionen für 3 Bokeler, 1 Brander, 4 Osterhorner und 3 Westerhorner Einwohner. Ab 1842 wurde das Kruggewerbe konzessionsfrei.

An dieser Stelle aber noch ein paar Sätze über die kulturelle Seite, denn schließlich heißt das Amt, der Amtsbezirk, der am 01. Oktober 1989 seinen 100. Geburtstag feierte, Hörnerkirchen nach der Kirche, die 1749 - 1752 gebaut und in jenem Jahr eingeweiht wurde. Damit hat das Kirchspiel nun etwas ganz außergewöhnliches: nämlich eine der ganz seltenen Kirchenneugründungen in den Herzogtümern Schleswig und Holstein zwischen 1400 und 1864. Vor 1752 gehörten die Hörner Dörfer zum Kirchspiel Barmstedt, die Einwohner mußten also lange Wege auf sich nehmen, um zum Gottesdienst, zu Taufen, Kopulationen (Eheschließungen) und Beerdigungen zu kommen. Seit 1740 wurde das Begehren der Hörner, eine eigene Kirche zu bekommen, immer dringender.

Durch Unterstützung der Rantzauer Administratoren (so hieß der oberste Verwaltungsbeamte der ehemaligen Reichsgrafschaft) von Söhlental und zahlreiche Spenden von nah und fern wurde der Neubau möglich. Mitten auf unbebauter Heidefläche entstand die Kirche, und schon bald nach der Weihe wurde ein Patent erlassen, wodurch anbauwilligen Neusiedlern Steuerfreiheit auf 8 Jahre zugesagt wurde.

Eng mit der Kirche verbunden war bis 1918 das Schulwesen. Schulen, geleitet von Küstern und Organisten bzw. von eigenen Präceptoren, wurden 1737 in Bokel, ca. 1700 in Brande/Bokelseß, 1752 in Hörnerkirchen und schon vor 1691 in Osterhorn und Westerhorn gegründet.

Die Probleme und Perspektiven der Gegenwart sind für die 5 Hörner Dörfer - oder heute 4 Hörner Gemeinden (Bokelseß wurde 1976 in Brande-Hörnerkirchen eingemeindet) - ähnlich wie im ganzen Land im Nahbereich einer Großstadt: sie liegen im Spannungsfeld einer prosperierenden städtischen Entwicklung mit zunehmend städtischen Verhaltens- und Denkweisen ihrer Bewohner und andererseits den über Jahrhunderte gewachsenen dörflichen und bäuerlichen Traditionen, Lebens- und Wertmaßstäben; ein schwieriger Weg zur Identifikationsfindung.


Quellennachweis:
"Die Hörner Dörfer" von Helmut Trede, Bokel

Exemplare der 462 Seiten umfassenden Original-Chronik sind beim Autor Helmut Trede, Aubek 21, 25364 Bokel (Tel.-Nr. 04127 / 348) zum Preis von € 35,- erhältlich.